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Die Schweizer Wirtschaft – ein zweischneidiges Schwert

Der robuste Leistungsbilanzüberschuss und die exportorientierte Wirtschaft der Schweiz tragen zu einem starken Schweizer Franken bei. Diese Stärke bedeutet aber auch importierten Deflationsdruck, was die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor Herausforderungen stellt und mit dem Risiko erneuter Negativzinsen einhergeht.

 

Samy Chaar, PhD 
Global Chief Economist and CIO for Switzerland,                  
Bank Lombard Odier & Co Ltd.                         
In Zusammenarbeit mit Laurent Pellet
Limited Partner, Global Head of EAM, 
Bank Lombard Odier & Co Ltd.                                               

 

Die Schweizer Wirtschaft ist sehr agil und hat in den letzten Jahren ihre Exporttätigkeit von China und Deutschland erfolgreich in Richtung USA diversifiziert. Die Vereinigten Staaten sind wertmässig zum wichtigsten Schweizer Exportmarkt geworden. Die Schweiz ist damit die am stärksten von US-Exporten abhängige Volkswirtschaft Europas. Zudem ist sie der siebtgrösste ausländische Investor in den USA. Sie finanziert laut Angaben des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten vom August 2024 eine halbe Million Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten. Doch durch die unbeständige US-Handelspolitik wird diese Stärke zu einer Ungewissheit – insbesondere für Schweizer Pharmaexporte. Viele Schweizer Unternehmen haben ihre Produktionskapazitäten in den USA bereits ausgebaut und hoffen, so die schlimmsten Folgen der US-Zölle abzumildern.

Für dieses Jahr haben wir unsere Wachstumsprognose für die Schweizer Wirtschaft von 1% auf 0,7% gesenkt. Dies spiegelt nicht nur die Schweizer Exportabhängigkeit wider, sondern auch die globale Konjunkturabschwächung und die negative Inflation in der Schweiz. Die Teuerung des Landes hat aufgrund sinkender Energiepreise und der Stärke des Frankens schneller nachgelassen als vom Markt erwartet.

 

Rückkehr zu Negativzinsen?

Könnte die SNB in diesem Umfeld gezwungen sein, wieder Negativzinsen einzuführen? Die Nationalbank senkte am 19. Juni den Leitzins um 25 Basispunkte auf 0% – aus unserer Sicht der letzte Schritt in diesem geldpolitischen Zyklus. Angesichts der Unsicherheit lässt sich ein Zinsschritt in den negativen Bereich zur Vermeidung von Deflation im zweiten Halbjahr 2025 nicht ausschliessen. Doch das scheint nur als letztes Mittel bei einer deutlichen Franken-Aufwertung oder Konjunkturschwäche infrage zu kommen.

Angesichts der robusten Aussenhandelsbilanzen und der hohen Produktivität der Schweiz dürfte der Schweizer Franken seine graduelle, langfristige Aufwertung fortsetzen. Der Franken scheint der Hauptfaktor hinter der Geldpolitik zu sein und erfordert besondere Aufmerksamkeit. Das macht die Geldpolitik in der kleinen, offenen Volkswirtschaft der Schweiz komplizierter und stützt die Tendenz der SNB zu Zinssenkungen. Kurzfristige Schwankungen im realen Wechselkurs des Schweizer Frankens beruhten zuletzt vor allem auf dem Dollar-Franken-Kurs, seinerseits ein Spiegelbild der allgemeinen Stimmung gegenüber dem US-Dollar in den letzten Monaten.

Wir erwarten, dass Zufluchtswährungen nachgeben, wenn sich die globale Risikostimmung in den kommenden Wochen verbessert. Dies sollte den US-Dollar stabilisieren, während sich die derzeit extrem pessimistische Haltung des Markts gegenüber der US-Währung abschwächt. Danach dürfte der Dollar in der zweiten Jahreshälfte 2025 seinen Abwärtstrend fortsetzen.

Wir gehen davon aus, dass sich der US-Dollar auch bei einer Eskalation der geopolitischen Situation stabilisieren könnte. Das mag kontraintuitiv scheinen. Doch die positive Korrelation des Dollar mit den Energiepreisen – eine Folge der US-Energieunabhängigkeit – dürfte dem USDCHF-Kurs und dem Dollar allgemein Auftrieb geben, wenn extreme Short-Positionen aufgelöst werden. Das spricht für unser Basisszenario, wonach die SNB Negativzinsen vorerst vermeiden kann.

 

Schweizer Lösungen

Für Anlegerinnen und Anleger mit Schweizer Franken als Basiswährung geht dieses Umfeld mit ganz eigenen Herausforderungen einher. Entlang der Zinskurve für Schweizer Staatsanleihen bieten nur noch Laufzeiten von über sechs Jahren positive Renditen. Die zehnjährige Bundesobligation rentiert aktuell mit lediglich 0,28%, und die Schweizer Geldmarktsätze sind negativ. Anlegerinnen und Anleger müssen ihr Kapital daher in ertragsgenerierende Vermögenswerte umschichten.

Unsere Multi-Asset-Strategien für Portfolios in Schweizer Franken basieren auf spezifischen strategischen Vermögensallokationen mit dem Ziel, im heutigen Niedrigzinsumfeld eine optimale Performance und wettbewerbsfähige Ausschüttungen zu verzeichnen. Derzeit halten wir eine Übergewichtung in Staats- und Investment-Grade-Anleihen, auch in Schweizer Franken. Wir erwarten, dass sich die Renditen von Schweizer Staatsanleihen, insbesondere mit zehnjähriger Laufzeit, in den nächsten zwölf Monaten bei 0,15% einpendeln werden. Während diese Rendite niedrig ist, werden die Kurse von Schweizer Anleihen im Gegenzug zulegen.

Steigende Aktienmärkte bieten zusätzliche Unterstützung, und unsere auf Franken lautenden Portfolios sind in Aktien übergewichtet. Schweizer Anlegerinnen und Anleger können auch Schweizer Immobilienfonds in Betracht ziehen. Des Weiteren bieten dividendenstarke Aktien stabile Ausschüttungen. Die Dividendenrendite des Swiss Market Index (SMI) beträgt dieses Jahr durchschnittlich 2,8%, bei einigen Titeln sogar über 4%. 2024 hat zudem die Hälfte der SMI-Unternehmen Aktien zurückgekauft – was ihr Vertrauen in den eigenen Geschäftsausblick belegt. Darüber hinaus können strukturierte Strategien mit Renditeoptimierung qualifizierten Anlegerinnen und Anlegern alternative Auszahlungsprofile bieten und so die Diversifizierung erhöhen.

Angesichts der aktuellen geopolitischen Unsicherheit müssen Anlegerinnen und Anleger überall besonders wachsam bleiben. In der Schweiz gilt es, diese Wachsamkeit mit Kreativität zu kombinieren.

Artikel - Stand zum 22. Juni 2025

 

 

Biografien

Samy Chaar is Global Chef Economist and CIO for Switzerland at Lombard Odier and a voting member of the Lombard Odier Investment Committee. In this role, he is leading a team that formulates the bank’s macroeconomic insights and analyses economic forecasts (growth, economic trends and cycles, inflation, balance of payments, central banks action, financial conditions, major geopolitical events & their impact on the markets). 
Samy joined Lombard & Odier in 2006. He holds a PhD in economics and a degree from the Paris II Pantheon-Assas & Paris IX Dauphine Universities. He was a researcher in the economics department of the IRGEI Institute, whilst teaching at the Paris IX Dauphine and Paris II Pantheon–Assas Universities. From 1999 to 2002 Samy worked in Asia with the Crédit Agricole Group, first with W.I. Securities in Tokyo and then in asset management in Hong Kong, after which he returned to Paris to prepare for his doctorate. 

Laurent Pellet joined the Bank in 2017 and took over responsibility for the External Asset Managers department for the Group in 2018. After starting out at Ferrier Lullin & Cie SA, he held various positions at Bank Julius Baer for more than 20 years. He holds a Diploma in Quantitative Wealth Management from HEC Geneva, a Diploma in Digital Finance Law from the University of Geneva and the CWMA.