Beim Thema Strom und Ressourcen auf Draht sein
Ein Zusammenwirken von ökologischen, technologischen und regulatorischen Kräften beschleunigt die fortschreitende Elektrifizierung unserer Wirtschaft – eine Entwicklung, die enorme Investitionen erfordern wird. Wir rechnen mit jährlichen Ausgaben in Höhe von 3000 Milliarden US-Dollar – 50 Prozent mehr als 2023. Insbesondere der Stromverbrauch wird durch die steigende Nachfrage von Rechenzentren, den Bau von Megaprojekten und die Elektrifizierung von Heizung, Industrie und Verkehr zunehmen. Wir sehen eine starke strukturelle Anlageempfehlung für Unternehmen, die an der Wertschöpfungskette der elektrischen Infrastruktur beteiligt sind.
![]() | Ulrike Hoffmann-Burchardi CIO Global Equities, UBS Global Wealth Management |
Was sind die Auslöser für diese strukturellen Chancen?
Die weltweite Energienachfrage ist in den letzten zehn Jahren mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 1,4 Prozent stetig gestiegen. Parallel dazu nahm der Stromverbrauch laut dem Energy Institute Statistical Review of World Energy mit einem jährlichen Anstieg von 2,5 Prozent im gleichen Zeitraum sogar noch schneller zu. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wird das Wachstum beim Stromverbrauch von 2024 bis 2026 auf 3,4 Prozent pro Jahr zunehmen und es wird damit gerechnet, dass sich das Wachstum nach diesem Zeitraum noch weiter verstärkt, wenn grosse Projekte in Betrieb genommen werden. Gleichzeitig wird erwartet, dass weltweite Klimaschutzinitiativen und Dekarbonisierungsziele diesen Trend längerfristig antreiben werden, wobei das IEA Announced Pledges Scenario eine Verdoppelung des Anteils der Elektrizität am Gesamtenergieverbrauch bis 2050 voraussagt.
Während der Verbrauch in den Schwellenländern am schnellsten wächst, geht man davon aus, dass auch in den Industrieländern die Nachfrage steigen wird, was durch eine Reihe von technologischen, industriellen und sozioökonomischen Faktoren begünstigt wird. Durch technologische Innovationen sind neue energieintensive Geräte entstanden und das Aufkommen der generativen KI beschleunigt Investitionen in Rechenzentren. Das Reshoring von Industrietätigkeiten in Sektoren wie der Halbleiter- und Batterieproduktion hat den Energiebedarf in den betreffenden Regionen erhöht. Die Elektrifizierung im Transportwesen, in der Industrie, im Handel und in Privathaushalten – einschliesslich der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen und des Übergangs von fossilen Brennstoffen zu elektrischen Heizlösungen – verstärkt diesen Trend noch. Neben der Notwendigkeit der Dekarbonisierung werden die Erschwinglichkeit von Energie und die Versorgungssicherheit wichtige Faktoren sein, die das Tempo des Wandels bestimmen.
Die oben beschriebene Dynamik erfordert erhebliche Investitionen in die Stromerzeugung, die Netzkapazität und -flexibilität sowie in andere elektrische Infrastrukturen. Wir glauben, dass eine kleine Gruppe von Unternehmen unverhältnismässig stark von diesen Ausgaben profitieren wird, die das Rückgrat der Entwicklung der Energieinfrastruktur bilden.
Ein umfassender Blick auf die Wertschöpfungskette
Aufgrund sektoraler oder thematischer Beschränkungen konzentrieren sich viele andere Strategien nur auf einen Aspekt der Chancen, zum Beispiel den Ausbau von Rechenzentren, grüne Energie oder die Renaissance der Fertigung. Unserer Meinung nach kann man die langfristigen Chancen am besten nutzen, wenn man die gesamte Wertschöpfungskette einbezieht – von kritischen Rohstoffen über Industrieanlagen bis hin zu Versorgungsunternehmen. Wir haben auch eine unvoreingenommene Sicht auf Treibstoffquellen oder die Endnutzung, da die Triebkräfte für das Wachstum der Stromnachfrage vielfältig sind und wahrscheinlich alle oben genannten Ansätze für die Energieversorgung erforderlich sein werden.
Wir halten es für sinnvoll, die Wertschöpfungskette in vier Kategorien zu unterteilen: Anlagen/Lösungen, Versorgungsunternehmen, Vermittler und Rohstoffe. Der Bereich Anlagen/Lösungen umfasst Hersteller und Wartungsbetriebe von Anlagen zur Stromerzeugung, -übertragung, -verteilung und -aufbereitung sowie von Systemen für Heizung, Lüftung und Klimatechnik (HLK) sowie für Automatisierung. Versorgungsunternehmen sind dafür zuständig, die Stromversorgung zu steuern, die aktuelle Nachfrage zu decken und Investitionen zu tätigen, um sicherzustellen, dass die Netzinfrastruktur den künftigen Bedarf decken kann. Zu den Vermittlern gehören Unternehmen, die Dienstleistungen oder Zwischenkomponenten zur Verfügung stellen, um Netzinvestitionen zu ermöglichen, wie zum Beispiel Ingenieur- und Bauunternehmen, Händler für Elektroanlagen, Kabelhersteller und Energieaggregatoren. Der Bereich Rohstoffe schliesslich umfasst Unternehmen, die für die Energiespeicherung und die elektrische Infrastruktur benötigte Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium oder Lithium liefern.
Welche Chancen sind besonders spannend?
Zwar dürften durch längerfristige, diversifizierte Engagements im Thema viele der langfristigen Chancen genutzt werden, doch sind wir der Ansicht, dass bestimmte Kategorien der Wertschöpfungskette in verschiedenen Phasen des Ausbaus der elektrischen Infrastruktur aufgrund von Kapazitätsengpässen stärker profitieren werden als andere. Während Engpässe auf den ersten Blick wie ein Hindernis für das Thema erscheinen mögen, sehen wir sie in Wirklichkeit als positiv an, da sie den Verlauf des Aufschwungs glätten und diesen verlängern und gleichzeitig das Risiko eines Überangebots verringern. Darüber hinaus profitieren Unternehmen in Branchen mit knappem Angebot in der Regel von einer stärkeren Preismacht und grösseren Auftragsbeständen, einer besseren Transparenz im Hinblick auf die Kaufabsichten ihrer Kundinnen und Kunden und einer effizienteren Produktionsplanung. Die Chancen der Elektrifizierung lassen sich aus unserer Sicht am besten nutzen, wenn man sich auf die Bereiche der Wertschöpfungskette konzentriert, in denen das Angebot wahrscheinlich hinter der Nachfrage zurückbleiben wird.
Kurzfristig sind die Engpässe am deutlichsten im Bereich der Elektroanlagen zu sehen, wo die Wartezeiten für einen Drehstromtransformator oder eine Gasturbine Jahre umfassen können und die Produktionskapazitäten weitgehend ausverkauft sind. Für viele Teilnehmer hat diese Dynamik für Rekord-Auftragsbestände und eine noch nie dagewesene Transparenz im Hinblick auf die Investitionspläne der Kunden gesorgt. Wir gehen davon aus, dass der Ausbau der Produktionskapazitäten die Verzögerungen bei der Auslieferung von Anlagen reduzieren wird, so dass die Verfügbarkeit von Strom und Netzen der nächste Engpass sein dürfte. Und schliesslich sind wir der Ansicht, dass langfristig eine Verknappung des Angebots an kritischen Mineralien wie Kupfer die Rohstoffpreise deutlich nach oben treiben wird, wovon die Bergbauunternehmen profitieren werden. Wir glauben, dass diese wechselnden Engpässe eine hilfreiche Orientierung für die Positionierung während des fortschreitenden Ausbaus der elektrischen Infrastruktur sein dürften.
Besonders wichtig ist, dass diese Entwicklung ein globales Phänomen ist. Wir sehen attraktive Anlagegelegenheiten in Europa, im asiatisch-pazifischen Raum und in Nordamerika und streben eine gute Diversifizierung an, um kurzfristigen Risiken durch negative Berichterstattung entgegenzuwirken.
Biografie
Ulrike Hoffmann-Burchardi ist CIO für Global Equities im Chief Investment Office von UBS. Sie ist Mitglied des globalen Anlagekomitees, das die UBS Investment House View festlegt und 5500 Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten für UBS Global Wealth Management betreut. Bevor sie zu UBS kam, war sie Partnerin und Senior Portfolio Manager bei der Tudor Investment Corporation, wo sie ein globales Aktienportfolio innerhalb des Flaggschiff-Kundenstrategiefonds von Tudor beaufsichtigte. Sie hat einen Doktortitel in Finanzwesen der London School of Economics and Political Science und ein lic. oec. HSG der Universität St. Gallen.
