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Das Schweizer Finanzökosystem: Ein Spannungsfeld mit Wachstumschancen

Neue Vorschriften und zunehmende Automatisierung stellen Finanzintermediäre vor Herausforderungen und bieten ihnen gleichzeitig Chancen im dynamischen Schweizer Finanzökosystem. Was können sie tun, um mit diesen Veränderungen umzugehen, der Kundenerfahrung eine neue Dimension zu geben und letztlich Geschäftswachstum zu erzielen?

 

Interview mit Alexandre Berger
Marktleiter Intermediäre Westschweiz und Nord- und Südamerika,
Bank Julius Bär

 

Welche Entwicklungen verändern den Markt für Finanzintermediäre?

Finanzintermediäre müssen heute auf immer komplexer werdende Kundenbedürfnisse eingehen, der zunehmenden Regulierung sowie nationalen und internationalen Rechtsordnungen gerecht werden sowie neue Technologien einführen, um so ihr Fachwissen geschickt zu ergänzen. So erhöhen sich beispielsweise die Produktionskosten durch neue regulatorische Auflagen der FINMA in der Schweiz oder durch die Notwendigkeit verstärkter Investitionen in die Organisation, die Prozessoptimierung und die Technologie und üben zusätzlichen Druck auf die Margen aus. In diesem komplexen Umfeld sind Agilität und rasche Anpassung von entscheidender Bedeutung, um das Wissen und die Erfahrung zu bewahren, die für den Erfolg erforderlich sind.

 

Welche Rolle spielen Netzwerke und Partnerschaften bei der Bewältigung dieses Umfelds?

Aufgrund dieses Wandels ist es für Finanzintermediäre entscheidend, auf den Märkten in der Schweiz und im Ausland, auf denen sie tätig sind, gemeinsam mit anderen Finanzinstituten, Juristen, Technologieanbietern und Branchenexperten ein echtes Ökosystem zu schaffen. Starke Netzwerke, Kooperationen und strategische Partnerschaften, insbesondere zwischen Finanzintermediären und Depotbanken, ermöglichen es den Marktteilnehmern, ihre Stärken und Fähigkeiten voll auszuschöpfen und neue Wege für Geschäftswachstum und Kundenakquise zu eröffnen. In der Schweiz sind einige Verbände der Finanzintermediäre ausserordentlich dynamisch und tragen dazu bei, echte Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren zu schaffen.

 

Welche Möglichkeiten bietet die Technologie den Finanzintermediären?

Finanzintermediäre sind für ihre starken persönlichen Beziehungen zu ihren Kunden bekannt, aber um diesen Vorteil zu nutzen, müssen sie paradoxerweise auch Technologie einsetzen. Die meisten Finanzintermediäre nutzen Standard-Vermögensverwaltungsanwendungen von Drittanbietern, die verschiedene Funktionen wie CRM, KYC, Vermögensverwaltung, Kundenreporting und Gebührenverwaltung umfassen. Wer wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss sicherstellen, dass interne Systeme über nahtlose Integrations-Funktionalitäten verfügen und sich leicht in Lösungen anderer Unternehmen im Ökosystem integrieren lassen, wie zum Beispiel in Kundenportale und Risiko-Engines. Die Einführung eines robusten und benutzerfreundlichen CRM-Systems kann zudem ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für Finanzintermediäre sein, die eine Spitzenposition beibehalten wollen.

 

Welche Schlüsselfaktoren können das Wachstum von Finanzintermediären fördern?

Eines der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale der Finanzintermediäre besteht darin, dass sie über verschiedene Anlageklassen hinweg eine massgeschneiderte Unterstützung bieten und engere Beziehungen zu ihren Kunden pflegen können, was ihnen ein besseres Verständnis der Ziele ihrer Kunden ermöglicht. Je näher sie an ihren Kundinnen und Kunden bleiben, desto mehr Engagement und Vertrauen wird bei ihren Kundinnen und Kunden entstehen und desto günstiger gestaltet sich ihre Zukunft. Bei Julius Bär haben wir kürzlich unsere Kundennähe weiter verbessert, indem wir kommerzielle Entwickler für den Genfer Markt und die beiden wichtigsten internationalen Märkte einstellten, die wir von dort aus betreuen: Lateinamerika und Naher Osten. Ausserdem haben wir neue Mitarbeitende in unserer neuen Zentrale in Lausanne aufgenommen, die über gut etablierte Netzwerke in der Region verfügen, und ein neues Team für den lokalen Markt in Dubai (DIFC). Eine solche räumliche Nähe zu jedem Markt zu pflegen, ist ein wertvoller Wachstumsfaktor – und es hilft uns, unsere Kundinnen und Kunden sehr viel besser zu verstehen.

 

Was steht den Finanzintermediären in den nächsten Jahren bevor?

Finanzintermediäre befinden sich derzeit in einem Spannungsfeld – angesichts der schwierigen operativen Rahmenbedingungen dürften die nächsten Jahre für sie entscheidend sein. Viele Finanzintermediäre müssen sich nicht nur um mehr Effizienz bemühen, sondern sie werden auch strukturelle Veränderungen vornehmen müssen, um die Kosten zu senken. Bis 2030 dürfte sich der Sektor dahingehend entwickelt haben, dass sich eine Gruppe erstklassiger Finanzintermediäre durch ihren herausragenden persönlichen Service differenziert und mithilfe von Technologie klare Effizienzsteigerungen realisieren kann. Die gute Nachricht dabei ist, dass Finanzintermediäre als verhältnismässig kleinere, unternehmerische Organisationen einen natürlichen Vorteil haben. Sie können innovativ sein und auf intelligente Weise ihre Organisationen viel schneller verändern als grössere Unternehmen .

 

 

Biografie

Alexandre Berger kam im Januar 2020 zu Julius Bär. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Betreuung privater und institutioneller Kunden in der Schweiz und im Ausland. Er begann seine berufliche Laufbahn bei PwC. Von dort ging er zu UBS, wo er in verschiedenen Positionen in der Schweiz und im Ausland tätig war, bevor er die Leitung des Bereichs Global Financial Intermediaries für die Schwellenländer übernahm. Er hat einen Master in Betriebswirtschaft von der Universität Genf, einen dualen Master in Vermögensverwaltung und Finanzwesen vom Rochester-Bern Executive Program und ist CFA Charterholder.