Interview
![]() | Das Wort hat Bernard Bonvin, einer der Hauptaktionäre der Probus-Pleion-Gruppe, bei der er seit 2012 den Posten des Generaldirektors des Dubaier Büros innehat |
Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Beruf des Vermögensverwalters seit den 80iger Jahren verändert?
Die unabhängige Vermögensverwaltung hat sich sehr verändert, ist jedoch im Kern dieselbe geblieben: eine Begleitung der Familien, das Verstehen ihrer tatsächlichen Bedürfnisse und der langfristige Schutz ihres Vermögens.
In den 80iger und 90iger Jahren beruhte der Beruf vor allem auf der persönlichen Kundenbeziehung und einem direkten Vertrauensverhältnis. Der unabhängige Vermögensverwalter war oft ein erfahrener Banker, der aus einem grossen Institut kam und mehr Kundennähe und Unabhängigkeit bieten wollte.
Seither hat sich der Berufsstand aufgrund von drei Entwicklungen neu erfunden. Die Erste ist regulatorischer Natur. Wir sind von einer ziemlich liberalen Welt, die sich auf Reputation und Selbstregulierung gründete, zu einem sehr strukturierten Rahmen mit hohen Anforderungen in puncto Unternehmensführung, Compliance, Risikomanagement und Transparenz übergegangen.
Die Zweite betrifft die Kunden und ihrer Familien. Sie sind internationaler, ausgesprochen mobil, informiert und anspruchsvoll geworden. Sie sind nicht mehr nur allein auf eine finanzielle Performance aus, sondern wollen ein Gesamtkonzept für ihr Vermögen und eine Koordinierung zwischen ihren Banken, Anwälten und Family Offices. Der Vermögensverwalter ist zum Teil ein Architekt ihres finanziellen Ökosystems und der „Koordinator ihres Vertrauens“ geworden.
Die Dritte ist technologischen Ursprungs. Berichterstattung, Konsolidierung, Risikoanalyse und Auftragsdurchführung haben unsere Arbeitsweise verändert. Mit der künstlichen Intelligenz befinden wir uns heute mitten in einer neuen Revolution. Die Technologie ermöglicht ein Service-Niveau, das früher den grossen Instituten vorbehalten war, aber sie ersetzt nicht das Urteilsvermögen.
Und schliesslich hat der Berufsstand auch eine neue Grössenordnung erreicht. Der regulatorische Druck, die mit der Informatik verbundenen Kosten und die internationale Komplexität begünstigen die Konsolidierung. Der unternehmerische Geist bleibt weiterhin ein wesentlicher Bestandteil, aber er muss nun seinen Ausdruck in solideren Plattformen finden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Vermögensverwalter zu erhalten.
Die Probus-Pleion-Gruppe gehört zu den einflussreichsten Vermögensverwaltern der Schweiz. Können Sie uns ein paar Worte zum Fusionsprozess sagen, aus dem sie hervorgegangen ist?
Probus Pleion ist das Ergebnis eines Zusammenschlusses - auf Augenhöhe - von zwei Unternehmensgruppen, die eine ähnliche Vorstellung von unserem Berufsstand hatten: Pleion und Probus. Beiden Häusern gemeinsam war eine starke unternehmerische Kultur, die Schweizer Tradition der privaten Vermögensverwaltung und der Wille, eine glaubwürdige Alternative zu den Grossbanken zu bieten.
Eine Fusion ist in unserer Branche niemals nur einfach ein finanzieller Vorgang. Es geht dabei zuallererst um Personen, um Vertrauen und Unternehmenskultur. Die Kunden folgen Einzelpersonen, aber sie müssen spüren, dass eine grössere Organisation ihnen Sicherheit, Kontinuität und Mittel liefert, ohne dass die Wertvorstellungen ihrer Berater zugunsten wirtschaftlicher Notwendigkeiten auf der Strecke bleiben.
Der Fusionsprozess hat darin bestanden, ein gemeinsames Haus zu errichten ─ ohne existierende Identitäten auszulöschen ─ unsere jeweiligen Fähigkeiten zu verbessern und das Beste aus der Welt des einen und des anderen beizubehalten. Die Teams mussten zusammengebracht, die zentralen Funktionen gestärkt, ein gemeinsames Investment Office geschaffen und die Systeme konsolidiert werden, und dabei durften Kundennähe und unser unabdingbarer Sinn für Unabhängigkeit nicht verloren gehen.
Rückblickend ist aus unserer Fusion eine robustere Plattform entstanden, die internationaler und sehr viel besser für die Zukunft gerüstet ist. Wir haben dadurch die erforderliche kritische Grösse erreicht, bei der wir in Technologie, Compliance, Research, Risikomanagement und internationale Geschäftsentwicklung investieren können. Wir sind somit heute in der Lage, unseren Weg fortzusetzen und aktiv an der Branchenkonsolidierung der unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz und im Ausland mitzuwirken, und dies unter Beibehaltung unserer Werte, wobei unsere Grösse im Dienste des Unternehmertums steht ─ und nicht umgekehrt.
Wie ist die Schweiz heute im Vergleich zu Finanzzentren wie Dubai und Singapur positioniert, die inzwischen stärker geworden sind?
Die Schweiz ist nach wie vor ein aussergewöhnlicher Finanzplatz. Sie kann weiterhin mit grundlegenden Vorteilen aufwarten: politische Stabilität, Rechtssicherheit, die Qualität der Depotbanken, die Erfahrung in der internationalen Vermögensverwaltung, eine starke Währung, die berufliche Diskretion und die langfristige Perspektive. Es wäre jedoch gefährlich zu denken, all das sei ausreichend.
Dubai und Singapur haben ihre Position erheblich gestärkt. Sie ziehen Unternehmer, internationale Familien, Kapital und Talente an. Ihre Herangehensweise ist oft schneller, pragmatischer und wachstumsorientierter. Dubai ist zu einer unumgänglichen Drehscheibe zwischen Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien geworden. Seit 2012 lebe und arbeite ich dort und habe miterlebt, wie sich der Finanzplatz in beeindruckender Geschwindigkeit verändert hat.
Die Schweiz sollte in diesen Zentren nicht nur Konkurrenten sehen, sondern vor allem Ergänzungen. Viele internationale Familien wollen eine globale Architektur: eine Basis in der Schweiz für die Sicherheit und das Management; Dubai für den regionalen Zugang, den Wohnort, die Geschäfte und die Vernetzung; Singapur für Asien.
Die Herausforderung für die Schweizer Vermögensverwalter besteht darin, ihre Kunden innerhalb dieser neuen geographischen Gegebenheiten begleiten zu können. Die Schweiz muss ein Kompetenzzentrum bleiben, das sich durch Stringenz und Vertrauen auszeichnet, und gleichzeitig dort präsent sein, wo die Kunden leben und investieren.
Sie waren über zehn Jahre Vorstandsmitglied beim VSV und auch an seiner Gründung beteiligt. Was nehmen Sie aus diesen Jahren im Dienste unseres Berufsstands mit und was würden Sie rückblickend anders machen?
Ich habe dabei grossen Respekt vor der Verbandsarbeit entwickelt. Der VSV war ein wesentlicher Faktor, als es darum ging, den unabhängigen Vermögensverwaltern eine Stimme zu verleihen, ihre besonderen Interessen zu verteidigen und ihre Professionalisierung zu begleiten.
In meiner Zeit als Vorstandsmitglied haben wir wichtige Veränderungen durchlebt, in Bezug auf regulatorische Anforderungen, internationalen Druck, die Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle und Standards unseres Berufsstandes. Die unternehmerische Freiheit der Vermögensverwalter galt es zu verteidigen, bei gleichzeitiger Anerkennung der Tatsache, dass die Welt sich veränderte.
Was ich geschätzt habe, war der Dialog der verschiedenen Persönlichkeiten, die von derselben Überzeugung geleitet wurden, und zwar derjenigen, dass die unabhängige Vermögensverwaltung zu den Dingen gehört, die den Schweizer Finanzplatz so einzigartig machen. Sie bietet den Kunden eine Alternative, ein unabhängiges Urteil, Nähe und Kontinuität in der Kundenbeziehung.
Ich hatte das Glück, dass ich mich ein Jahrzehnt lang in den Verband einbringen konnte, und das zu einem Zeitpunkt, als er sich wandeln musste. Der VSV hat dazu beigetragen, dass unser Berufsstand von einem handwerklichen zu einem anerkannten und nachhaltigen Geschäftsmodell übergehen konnte.
Im Rückblick meine ich, dass ich wohl drei Themen früher hätte vorantreiben sollen: die kritische Grösse, die Technologie und die Internationalisierung. Wir haben die Geschwindigkeit unterschätzt, in der die regulatorischen und technologischen Kosten ansteigen würden. Wir hätten auch früher in Konsolidierungs- und Risikoanalysetools investieren können.
Dies vorausgeschickt, würde ich heute das Wesentliche jedoch wieder genauso machen, im festen Glauben an Unabhängigkeit, Kundennähe und den Wert einer langfristigen Beratung. In einer immer stärker standardisierten Welt ist die Aufgabe des unabhängigen Vermögensverwalters weiterhin eine zutiefst menschliche. In diesem Punkt besteht vielleicht die grösste Kontinuität der vergangenen vierzig Jahre.
