Die These vom «digitalen Gold» auf dem Prüfstand
Wenn wir auf das Jahr 2025 zurückblicken – ein Jahr, das durch erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten, aber auch solide Renditen über alle Anlageklassen hinweg gekennzeichnet war –, fallen mehrere wichtige Aspekte ins Auge. Erstens steht Gold im zweiten Jahr in Folge an der Spitze der Performance-Rangliste der wichtigsten Anlageklassen. Nach einer und zweimonatigen Konsolidierungsphase erreichte das gelbe Metall ein neues Allzeithoch im Dezember, schwächte sich dann aber in den letzten Handelstagen des Jahres wieder leicht ab und beendete das Jahr schlussendlich mit einem Plus von 66% (in US-Dollar). Historisch betrachtet stellt 2025 damit das stärkste Jahr für Gold seit über einem halben Jahrhundert dar. Nur andere Edelmetalle haben den ausserordentlichen Anstieg von Gold noch übertroffen: Silber und Platin legten in einer beispiellosen Jahresendrally kräftig zu, welche bisher auch im neuen Jahr unvermindert anhält.
Zweitens, im krassen Gegensatz zu Gold, zählte Bitcoin zu den schlechtesten Anlagen des vergangenen Jahres und schloss mit einem Minus von 6.3% (in US-Dollar). Die Kryptowährung hat seit ihrem bisherigen Allzeithoch von USD 126 198 Anfang Oktober fast 30% ihres Wertes eingebüsst. Nach einem Zwischentief von USD 80 553 Ende November bewegte sich der Kurs anschliessend seitwärts. Bitcoin-ETFs verzeichneten im November und Dezember letzten Jahres Abflüsse in Rekordhöhe.
![]() | Yves Bonzon Group Chief Investment Officer und Mitglied des Global Wealth Management Committee, Bank Julius Bär & Co. AG |
Bitcoin – digitales Gold oder Nasdaq auf Steroiden?
Gold überflügelt sämtliche Anlagen, während Bitcoin im Jahresvergleich an Wert verlor - für einige ein Beweis, dass die Vorstellung, Bitcoin sei ein digitales Äquivalent zu Gold, schlichtweg falsch ist. Lassen Sie uns zunächst einen Blick zurückwerfen, um voreilige Schlüsse zu vermeiden.
Grundsätzlich weisen Gold und Bitcoin zahlreiche gemeinsame Preistreiber und Eigenschaften auf. Besonders hervorzuheben ist, dass beide – physisch gehaltenes Gold ebenso wie Bitcoin gehalten in einer dezentralen Wallet – den ultimativen Schutz vor Gegenparteienrisiken bieten. Wer Unternehmensanleihen kauft, hat eine Forderung gegenüber dem emittierenden Unternehmen. Wer Aktien erwirbt, hat einen Anspruch auf die Residualgewinne des ausgebenden Unternehmens. In beiden Fällen besteht ein Gegenparteirisiko. Physisches Gold birgt kein solches Risiko und bietet daher auch Schutz in Zeiten von systemischen Risiken – etwa während der grossen Finanzkrise oder der Schuldenkrise in der Eurozone. Auch Bitcoin gehalten im dezentralen Wallet weist kein Gegenparteirisiko auf, seine Wirksamkeit in einem Umfeld systemischer Risiken ist bislang jedoch nicht erprobt.
Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass beide Vermögenswerte aufgrund ihres begrenzten Angebots von Natur aus disinflationär sind und damit Schutz vor Geldentwertung bieten können. Während das Goldangebot durch die physischen Grenzen natürlicher Ressourcen beschränkt ist, setzt das Bitcoin-Protokoll eine harte Obergrenze von 21 Millionen Coins.
Schließlich sind sowohl Gold als auch Bitcoin liquide Vermögenswerte, die es Anlegern ermöglichen, ihre Portfolios weg von Vermögenswerten zu diversifizieren, die im Falle westlicher Sanktionen potenziell gefährdet sind. Wir bezeichnen diese als ‘systemfremde’ Vermögenswerte. Angesichts der beispiellosen Massnahmen, die westliche Regierungen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 ergriffen haben, dürften nicht-westliche Kapitalpools beschlossen haben, einen Teil ihres Kapitals aus dem «zentralisierten» westlichen Finanzsystem in Vermögenswerte umzuschichten, die westliche Regierungen nur in begrenztem Masse einfrieren oder beschlagnahmen können. Der bemerkenswerte Anstieg des Goldpreises wird im Wesentlichen durch die strukturelle Nachfrage nach Finanzinstrumenten gestützt, die physisch mit Gold hinterlegt sind, insbesondere von nicht-westlichen Zentralbanken.
Andererseits liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Gold und Bitcoin darin, dass Goldanleger in der Regel kaum Fremdkapital einsetzen, während dies bei Bitcoin-Anlegerinnen und -Anleger, insbesondere jenen mit spekulativen Motiven im Privatkundensegment, durchaus zur gängigen Praxis gehört. Genau aus diesem Grund kann die Korrelation zwischen den beiden Vermögenswerten kurzfristig negativ werden – wie auch die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr gezeigt hat. In solchen Phasen ähnelt eine Investition in Bitcoin dem Halten einer IT-Aktie mit hohem Beta. Mit anderen Worten: Fremdfinanzierte Anleger handeln sowohl mit digitalen Vermögenswerten als auch mit US-amerikanischen IT-Aktien, und wenn es zu Nachschussforderungen kommt, sind sie gezwungen, beide Positionen zu veräussern, was die Korrelation verstärkt. Diese Dynamik dürfte natürlich auch im Falle einer systemischen Krise nicht unterschätzt werden.
Gold und Bitcoin – ähnliche Preistreiber, aber unterschiedliche Risiken in Extremszenarios
Längerfristig dürfte Gold weiter an Wert gewinnen, solange westliche Regierungen ihre Kapitalmärkte weiterhin für Sanktionszwecken instrumentalisieren. Die These einer erhöhten strukturellen Nachfrage nach Vermögenswerten, die vor den Folgen solcher Massnahmen schützen, bleibt zumindest bis zu einem Friedensabkommen mit der Ukraine gültig, da ein solches Abkommen – insbesondere wenn es eine Klausel zur Freigabe russischer Vermögenswerte enthält – plötzliche Gewinnmitnahmen bei systemfremden Vermögenswerten auslösen könnte.
Lange Zeit waren wir der Ansicht, dass dieses Argument auch für Bitcoin gilt. Wir betrachteten den ursprünglichen digitalen Vermögenswert als die einzige Anlage, welche grundsätzlich die Rolle von digitalem Gold erfüllen kann. Nun schürt das Aufkommen des Quantencomputings Zweifel an der Sicherheit der Bitcoin-Blockchain, wodurch unsere Einschätzung überholt ist. Tatsächlich stellen Quantencomputer eine erhebliche Bedrohung für Bitcoin dar. Laut Schätzungen könnte mit ihrer Hilfe der Diebstahl von über 6 Millionen Bitcoins begangen werden, was das gesamte Ökosystem drastisch destabilisieren würde. Zugegeben, derzeit handelt es sich hierbei um ein in der Zukunft liegendes Tail-Risk-Szenario, doch der relevante Zeithorizont rückt schneller näher als ursprünglich erwartet. Niemand kann mit Sicherheit einschätzen, wie real dieses Risiko ist. Als Vermögensverwalter obliegt uns eine Treuhandpflicht. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering ist, ziehen wir es deshalb vor, bei der Allokation in potenzielle Satelliten und Substitute des gelben Metalls auf Nummer sicher zu gehen. Die kurzfristigen Auswirkungen auf den Preis von Bitcoin mögen begrenzt sein, aber seine Prämisse als Wertspeicher wird ernsthaft in Frage gestellt. Aktuell gibt es eine Debatte darüber, ob diejenigen Coins, die für Hacking durch Quantencomputer anfällig sind, präventiv vernichtet werden sollten. Dies würde jedoch einer Enteignung gleichkommen und somit die Grundprinzipien von Bitcoin fundamental untergraben. Wir kommen daher zu dem Schluss, dass Bitcoin nicht mehr als digitales Äquivalent zu Gold betrachtet werden sollte und somit auch nicht mehr zur Gruppe der „systemfremden“ Vermögenswerte gehört, die als langfristige Absicherung gegen die Dominanz der Fiskalpolitik und die Abwertung von Fiat-Währungen dienen.
Biografie
Yves Bonzon ist eine anerkannte Persönlichkeit im Bereich Investment Management innerhalb der Privatbankenbranche. Er trat im Februar 2016 als Group Chief Investment Officer in die Julius Baer Gruppe ein und ist heute Mitglied des Global Wealth Management Committee der Bank. Nach einem Traineeprogramm im Wealth Management und Corporate Banking bei UBS begann er seine berufliche Laufbahn 1989 bei Pictet in Genf. Im Laufe der Jahre avancierte er zum Equity Partner, Group Managing Director sowie Chief Investment Officer der Wealth-Management-Division. Im Jahr 1998 übernahm er den Vorsitz des Anlageausschusses von Pictet. Yves Bonzon verfügt über einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Lausanne (lic. oec. HEC).
