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Interview


Anlässlich seines 40. Jubiläums widmet der VSV eine Spezialausgabe der Entwicklung des Berufs sowie den zentralen Herausforderungen, die die vergangenen vier Jahrzehnte geprägt haben. Prägende Momente, zukunftsorientierte Perspektiven und ein Mosaik unterschiedlicher Standpunkte bereichern diese Publikation. Führende Expertinnen und Experten von gestern und heute teilen ihre Analysen und Überlegungen zu verschiedenen Aspekten des Wealth Managements

Das Wort hat Patrick Stauber
CEO, Marcuard Heritage AG                                                                 

Angesichts der zunehmenden Komplexität des Berufs, insbesondere aufgrund der Interaktionen zwischen Märkten, Geopolitik, Strategie und Humankapital: Welche Erfolgsfaktoren sind Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren entscheidend? 

Wir verwalten und gestalten Vertrauen, nicht Produkte. Das heisst, aus meiner Sicht ist die Beziehung zwischen BeraterIn und KundIn – bei uns meistens UHNWIs – nach wie vor der Kern der unternehmerischen Entwicklung und des Erfolgs. Technologie spielt eine immer wichtigere Rolle, ist aber nicht Selbstzweck. Technologie soll RMs befähigen, individueller und schneller auf Kundenwünsche eingehen zu können. Neben den Faktoren Mensch und Technologie ist unsere Unabhängigkeit, unsere offene Architektur und damit die Vermeidung von Interessenkonflikten für unsere KundInnen ein wichtiger Faktor, sich für Marcuard Heritage zu entscheiden. 

Zusammengefasst: die richtigen Talente mit innovativer, KI-basierter Intelligenz und eine Unternehmenskultur die Veränderung als Normalfall vorlebt. 

Last but not least: Es braucht einen Verband wie den VSV, der hinter der Branche steht, die gemeinsamen Interessen vertritt und Mitglieder beraten kann. Dass wir mit FINIG und FIDLEG heute den Banken gleichgestellt sind, ist nicht zuletzt sein Verdienst. 


Sie haben sich oft zur Zukunft der Beziehung zwischen Depotbanken und Vermögensverwaltern geäussert und dabei eine auf B2B ausgerichtete Privatbank einer traditionellen Privatbank mit speziellem Service für unabhängige Verwalter gegenübergestellt. Wie sehen Sie diese Entwicklung? 

Die Beziehung zwischen Depotbanken und unabhängigen Vermögensverwaltern hat sich in den letzten Jahren spürbar professionalisiert, denn beide Seiten haben verstanden, dass sie aufeinander angewiesen sind: Wir bringen die Kundenbeziehung und die Anlagekompetenz, die Bank die Depotfunktion, die Abwicklung und den Marktzugang. Die eigentliche Frage ist nicht, wer gewinnt, sondern wie partnerschaftlich dieses Zusammenspiel gestaltet wird. 

Für mich verläuft die entscheidende Trennlinie deshalb nicht zwischen reinen B2B-Banken und traditionellen Häusern, sondern zwischen jenen, die unser Geschäftsmodell wirklich verstehen, und jenen, die es noch nicht tun. Es gibt traditionelle Privatbanken, die hervorragende, dedizierte Services für unabhängige Verwalter aufgebaut haben und es gibt andere. Entscheidend ist, ob eine Bank uns als Partner begreift. 

Wir arbeiten bewusst mit über 30 Depotbanken zusammen. Das verteilt Risiken, schafft Flexibilität für den Kunden und hält einen gesunden Wettbewerb um Qualität in Gang, wovon am Ende alle profitieren. 


Fortschritt muss dem Vertrauen dienen und darf nicht zum Selbstzweck werden. Was sagen Sie zu dieser Aussage, wenn man sie auf die unabhängige Vermögensverwaltung und deren Umgang mit technologischen Entwicklungen anwendet? 

Grundsätzlich gilt, dass jeder Datenpunkt hilft, Prognosen zu verbessern und Erkenntnisse zu gewinnen. Die KundInnen profitieren dann am stärksten, wenn einerseits der RM die Daten zu kuratieren bzw. interpretieren weiss und andererseits auch die Bedürfnisse der KundInnen im Detail kennt. Der größte Fehler ist es, Digitalisierung per se als Fortschritt zu betrachten. Es geht nicht darum, was technisch möglich ist und wird, sondern es geht darum, was den Kundennutzen und das Vertrauen des Kunden stärkt. 

Gerade in einer Zeit, in der alle über KI sprechen, wird das Menschliche zum eigentlichen Unterscheidungsmerkmal. Wir holen deshalb gezielt technologische Kompetenz ins Haus – bis auf Verwaltungsratsebene –, nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um die zutiefst menschenzentrierte Vermögensverwaltung zu stärken. 


Angesichts des Aufschwungs von Standorten wie dem ADGM (Abu Dhabi Global Market), einem internationalen Finanzzentrum, das für seine attraktiven regulatorischen Rahmenbedingungen bekannt ist: Wie sollten Vermögensverwalter in der Schweiz ihre Strategie weiterentwickeln, um neue Wege zu beschreiten und wettbewerbsfähig zu bleiben? 

Standorte wie der ADGM sind für mich kein Grund zur Nervosität, sondern ein Weckruf – und eine Chance. Die Schweiz bleibt mit ihrer Stabilität, Rechtssicherheit, Diskretion und Infrastruktur ein Standort, um den uns viele in der Welt beneiden, aber für selbstverständlich halten dürfen wir ihn nicht. 

Wir bei Marcuard Heritage verwalten heute rund sechs Milliarden US-Dollar und sind seit über zwanzig Jahren international unterwegs, gegründet 2003 in der Schweiz. Unseren jüngsten Standort Abu Dhabi haben wir nicht überstürzt eröffnet: Wir kennen den Markt schon seit einem Jahrzehnt über unsere Depotbanken. Dieses Jahr war für uns die Zeit reif, selbst präsent zu sein. So verstehen wir nachhaltige Expansion. 

Zugleich beginnt Wettbewerbsfähigkeit zu Hause. Wenn andere Finanzplätze mit schlankerer, berechenbarer Regulierung punkten, müssen wir unsere eigenen Rahmenbedingungen attraktiv halten.  

Genau hier ist die Stimme des VSV zentral – damit die Schweiz für unsere Branche attraktiv bleibt. 
 

Biografie

Patrick Stauber ist CEO von Marcuard Heritage AG in Zürich, Schweiz, und seit 2009 für die Gruppe tätig, wo er deren Entwicklung verantwortet. Seine früheren beruflichen Stationen führten ihn zu Morgan Stanley sowie zu Citicorp Private Bank und Citibank NA. Patrick Stauber betont die Multidimensionalität und Internationalität seines Berufes als unabhängiger Vermögensverwalter.