Die Vermögensimplikationen eines 100-jährigen Lebens
![]() | Ein Gespräch mit Dr. Damien Ng, Senior Thematic Research Analyst, Bank Julius Bär & Co. AG |
Welche demografischen Kräfte prägen derzeit den Ruhestand und die Vermögensplanung?
Die Zahlen sind beeindruckend. 1960 war weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung 65 Jahre oder älter; bis 2024 hat sich dieser Anteil auf zehn Prozent verdoppelt. Blickt man nach vorne, wird erwartet, dass bis 2050 mehr als ein Drittel der Menschen in der EU, in China und in Japan 65 Jahre oder älter sein werden. Gleichzeitig sind die Geburtenraten stark zurückgegangen – von 3,3 Kindern pro Frau im Jahr 1960 auf heute 2,2, mit Prognosen, die einen weiteren Rückgang erwarten lassen. Dieser Wandel belastet das Sozialmodell erheblich, in dem jede Generation die Rente der vorherigen finanziert. In einkommensstarken Ländern wie der Schweiz ist beispielsweise das Verhältnis von Erwerbstätigen zu älteren Menschen von etwa sechs im Jahr 1960 auf drei im Jahr 2024 gesunken. Der Trend wird sich voraussichtlich weiter fortsetzen. Bis 2050 wird es nur noch zwei Erwerbstätige für jede Person über 65 geben. Mit weniger Arbeitenden, die eine wachsende Zahl an Rentnern unterstützen, werden die Regierungen zunehmendem Druck auf die Rentensysteme ausgesetzt sein, was eine individuelle Vermögensplanung nicht nur empfehlenswert, sondern unverzichtbar macht.
Welche finanziellen Herausforderungen bringt ein längeres Leben mit sich?
Ein längeres Leben geht mit einer Reihe erheblicher finanzieller Herausforderungen einher. Die Gesundheitsversorgung ist die offensichtlichste, da die Aufrechterhaltung der Gesundheit über die gesamte Lebensspanne kontinuierliche Investitionen in Prävention, Vorsorgeuntersuchungen, Therapien und einen gesunden Lebensstil erfordert. Lebensentscheidungen erhöhen die Komplexität zusätzlich – so ziehen manche Menschen in Länder mit besserer medizinischer Infrastruktur, was jedoch steuerliche Fragen, Visa und die Integration in die lokale Gesellschaft nach sich zieht. Darüber hinaus bedeuten längere Phasen selbständigen Lebens höhere Ausgaben für Unterstützung im Haushalt, persönliche Dienstleistungen und die Sicherung einer hohen Lebensqualität. Klassische Modelle der Ruhestandsplanung, die sich ausschliesslich auf Kapitalaufbau konzentrieren, reichen in diesem Umfeld zunehmend nicht mehr aus. Notwendig sind strukturierte und vorausschauende Vermögensstrategien.
Wie wirkt sich Langlebigkeit auf die Familien- und Nachlassplanung aus?
Das gleichzeitige Leben mehrerer Generationen erhöht naturgemäss das Konfliktpotenzial, insbesondere bei Fragen der Vermögensübertragung und Erbschaft. Die zunehmende Internationalisierung von Familien erschwert die Situation zusätzlich, da grenzüberschreitende Nachlässe mit unterschiedlichen Steuersystemen und Erbrechtsordnungen konfrontiert sind. Ohne sorgfältige Planung riskieren selbst bedeutende Dynastien den Niedergang. Um Familienvermögen und -erbe zu bewahren, ist es entscheidend, klare Strategien festzulegen, transparente Kommunikation zu fördern und gut strukturierte Nachlassinstrumente wie Testamente und Trusts einzusetzen. Für externe Vermögensverwalter wird es immer wichtiger, die jüngere Generation frühzeitig einzubeziehen, um Kontinuität und langfristige Kundenbeziehungen zu sichern. Wie der Julius Bär Global Wealth and Lifestyle Report 2025 zeigt, wären die meisten vermögenden Privatpersonen (HNWIs) bereit, ihre Vermögensstrategie an eine längere Lebenserwartung anzupassen. Die Massnahmen reichen von der Überprüfung der bestehenden Vermögensstruktur und der Neugewichtung von Portfolios bis hin zur Neubewertung der Ruhestandsziele.
Welche Rolle spielt die Finanzplanung bei der Bewältigung dieses Paradigmenwechsels?
Eine robuste Vermögensstrategie muss weit über den reinen Kapitalaufbau hinausgehen. Sie sollte alle Vermögenswerte, Verbindlichkeiten und Cashflows berücksichtigen und regelmässig überprüft werden, um mit veränderten Zielen und Umständen im Einklang zu bleiben. Viele Familien finden es sinnvoll, ihre Vermögenswerte in verschiedene „Töpfe“ zu unterteilen, die auf bestimmte Lebensphasen oder Ziele zugeschnitten sind, wie z. B. intergenerationale Transfers oder Philanthropie. Ebenso wichtig ist die Integration disziplinierter Anlagestrategien, die Wachstum und Resilienz über die Zeit hinweg ausbalancieren. Ziel ist es nicht nur, Kapital zu vermehren, sondern Vertrauen und Flexibilität zu schaffen, um nachhaltiges Wohlbefinden über Generationen hinweg zu fördern und Vermögen zu bewahren.
Was sollten externe Vermögensverwalter aus diesen Trends mitnehmen?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Langlebigkeit eine strukturelle und keine zyklische Kraft ist, wie die Entwicklung der steigenden Lebenserwartung parallel zum Rückgang der Erwerbstätigen pro älterer Person zeigt. Dies erfordert einen grundlegenden Wandel im Denken über Vermögensverwaltung. Klassische kurzfristige Ansparmodelle reichen nicht mehr aus, wenn der Ruhestand mehrere Jahrzehnte dauern kann. Auch die Nachlassplanung muss mehrgenerationell gedacht werden, wobei jüngere Familienmitglieder frühzeitig einbezogen werden sollten, um eine reibungslose Kontinuität sicherzustellen. Schliesslich schafft die wachsende Komplexität globalisierter Familienstrukturen – von Steuerfragen bis hin zu gesundheitsbedingten Umsiedlungen – sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Berater, die in der Lage sind, ausgefeilte, ganzheitliche Strategien zu entwickeln, werden am besten positioniert sein, um ihre Kunden in dieser neuen Realität zu begleiten.
Biografie
Dr. Damien Ng ist Senior Thematic Research Analyst bei Julius Bär mit Schwerpunkt auf „Future Health“-Themen wie Langlebigkeit und Gesundheitswesen. Er promovierte an der Durham University und arbeitete international bei Goldman Sachs und Reuters. Damien ist veröffentlichter Autor und hält regelmässig Vorträge bei Julius Bär, an Universitäten und externen Veranstaltungen, wobei er auf seine Expertise in den Bereichen Finanzen, Gesundheitswesen und Technologie zurückgreift.
